Tod durch Konzern?

Unbeweglich, starr, träge – so manchem fällt zur Organisationsstruktur großer Unternehmen nichts Positives ein. Im Vergleich zu den beweglichen, unkonventionellen Startups mit flacher oder nicht vorhandener Hierarchie entstehen in klassisch hierarchisch organisierten Konzernen multiple Zuständigkeiten, die unendlich lange Entscheidungswege nach sich ziehen. Verteilte Zuständigkeiten bedeuten meist vor allem eines: Niemand ist verantwortlich. „Dazu kann ich Ihnen leider nichts sagen, wenden Sie sich doch bitte an XY.“ Das hat wahrscheinlich etwas mit Bequemlichkeit zu tun, mit der Möglichkeit unterzutauchen und sich zu verstecken, vielmehr aber mit unklaren Verantwortlichkeiten: Jeder hat noch einen anderen vor sich, der im Zweifelsfall über mehr Entscheidungsgewalt verfügt. Kann hier Innovation entstehen?

Die andere Variante: Alle wollen mitreden. Statt eines eindeutigen Entscheiders gibt es eine Vielzahl an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich gegenseitig im Weg und auf den Zehen herumstehen, Kritik anbringen, ihr Wissen einbringen und sich selbst unterbringen wollen. Aber Moment: Gerade das ist doch das hohe Gut großer Konzerne! Ein schier unerschöpflicher Pool an Mitdenkenden! Hier stehen Unternehmen wie die swb mit 160 Jahren Erfahrung und einer gewachsenen Identität mit beiden Beinen fest im Markt, verfügen über eine große Zahl unterschiedlichster Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit vielfältigen Kompetenzen und Perspektiven. Fruchtbarer Boden, um innovative Ideen zu entwickeln, zu ermöglichen und unter passenden Rahmenbedingungen gemeinsam voran zu bringen. Und nach so vielen Jahrzehnten im Geschäft scheint da einiges richtig zu laufen. Im Wandel der Zeit haben sich Konzerne immer wieder neu organisieren müssen, haben sich den Veränderungen ihres Umfeldes angepasst, ihre Geschäftsfelder überdacht, erweitert, verändert und weiterentwickelt, sich selbst neu erfunden und sich – wenn vielleicht auch mit eher gemächlicher Geschwindigkeit – der Moderne angepasst. Nun, Masse macht träge. Doch Größe bedeutet auch ein dickes Maß an Sicherheit, schafft Spielräume und Möglichkeiten – nicht nur finanziell. Auch das vermeintlich Negative hat einen positiven Effekt auf Innovation: Permanenter Kostendruck, wechselnde nich immer klare politische Rahmenbedingungen, unkontrollierbare Bewegungen des Marktes, das Bild des Unternehmens in der Öffentlichkeit, all das verpflichtet stets, am Puls der Zeit zu bleiben. Herausforderungen sind der Motor für Innovation.

Was aber können Unternehmen von Startups lernen? Und welchen Mehrwert wiederum bieten große Konzerne Gründerinnen und Gründern auf ihrem Weg an den Markt? Brauchen große Konzerne die fluide Herangehensweise junger Gründer? Oder bedeutet Prozessorganisation und Struktur Sicherheit im chaotischen Durcheinander einer Ideenentwicklung? Mit Sicherheit sind die Beweglichkeit, Neugier, Leidenschaft und die Überzeugung von der eigenen Idee, der sozusagen positive Größenwahn und die Offenheit von Startups inspirierend für das Denken und Handeln innerhalb eines Konzerns. Junge Unternehmerinnen und Unternehmer scheuen sich kaum, Dinge infrage zu stellen, um voranzukommen. Unterstützung und das vielbeschworene Networking sind eine Selbstverständlichkeit für jene, die sich allein auf den Weg machen. Große Konzerne müssen dafür nicht einmal vor die Tür gehen: Vernetzung kann innerhalb eines großen Unternehmens gelebt und genutzt werden, interne Partnerschaften bieten große Chancen – und Strukturen wie festgeschriebene Prozessabläufe bedeuten Verlässlichkeit. Der Konzern als Chance – und Lernfeld für jene, die noch ganz am Anfang stehen.

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